Ein Mensch, der das Fürchten nicht gelernt hat
In Wagners „Siegfried“ begegnet uns ein Mensch, der das Fürchten nicht gelernt hat. Siegfried ist stark. Wild. Unmittelbar. Er kommt aus dem Wald, aus der Natur, aus einer Welt vor aller Erziehung, vor aller Ordnung, vor aller Schuldgeschichte. Er ist kein höfischer Held, kein frommer Schüler, kein gehorsamer Sohn. Er ist reine Lebenskraft.
Er kennt keine Angst. Nicht vor Mime, der ihn benutzt. Nicht vor dem Drachen, der den Schatz bewacht. Nicht vor Wotan, dem Wanderer, dem alten Gott. Nicht vor dem Feuer, das Brünnhildes Felsen umgibt. Siegfried geht durch das Feuer hindurch. Aber er ist dennoch noch nicht "erwachsen".
Denn ein Mensch ist nicht schon reif, nur weil er keine Angst hat. Ein Mensch ist nicht schon frei, nur weil er niemandem gehorcht. Ein Mensch ist nicht schon erlöst, nur weil er stark ist.
Somit ist Siegfrieds Angstlosigkeit ist seine Schwäche. Es ist Kraft ohne Tiefe. Mut ohne Selbsterkenntnis. Freiheit ohne Beziehung. Er kann zwar im Kampf besiegen. Aber er kann noch nicht wirklich lieben.
Dann kommt der entscheidende Moment :Siegfried findet Brünnhilde. Sie liegt schlafend auf dem Felsen, umgeben von Feuer. Eine Göttin, die durch Mitleid Mensch geworden ist. Eine, die den Befehl verlassen hat, weil sie das Leid sah. Eine, die nicht mehr göttliche Macht verkörpert, sondern menschliches Erbarmen.
Brünnhilde ist schon durch ihre eigene Wandlung gegangen: Von der Göttin zur mitfühlenden Menschin. Und nun steht Siegfried vor ihr. Und er, der sich vor nichts fürchtete, beginnt sich zu fürchten. Fürchten vor Nähe. Vor der Begegnung mit dem anderen Menschen. Vor dem Du. Vor der Liebe.
Liebe ist eben kein Drache, den man töten kann. Liebe ist Begegnung. Sie lässt sich nicht beherrschen. Sie macht offener. Weicher. Und dadurch verletzlicher.
In dieser Begegnung wird Siegfried menschlich. Nicht im Sieg.Nicht im Kampf. Sondern im Erschrecken vor der Liebe.
Vielleicht liegt darin eine wichtige Wahrheit. Wir meinen oft, Reifung bedeute: weniger Angst haben. Stärker werden. Unabhängiger werden. Souveräner werden. Nicht mehr so verletzbar sein. Über den Dingen stehen.
Aber vielleicht werden wir nicht dadurch menschlicher, dass uns nichts mehr trifft. sondern wir werden menschlicher, wenn wir uns treffen lassen können, ohne hart zu werden.
Der Held sagt: Ich brauche niemanden. Ich fürchte nichts. Ich gehe allein.
Der Liebende sagt: Ich brauche dich. Ich kann verletzt werden. Und dennoch öffne ich mich.
Und das ist schwerer als jeder Drachenkampf. Denn gegen einen Drachen kann man ein Schwert erheben. Gegen die Liebe nicht. Vor ihr kann man nur die Rüstung sinken lassen.
Und das berührt auch unser Leben.Wir tragen auch Bilder von Stärke in uns: Ich muss funktionieren. Ich muss durchhalten. Ich darf nicht bedürftig sein. Ich darf keine Angst haben. Ich muss alles schaffen.
Gott fragt: Bist du noch erreichbar? Kannst du dich einem anderen Menschen anvertrauen? Kannst du weinen, bitten, empfangen?Der Mensch wird nicht heil, indem er unverwundbar wird. Der Mensch wird heil, indem er in seiner Verwundbarkeit gehalten ist.
Das sehen wir an Jesus. Jesus ist nicht der angstlose Held, der unberührt durch alles hindurchgeht. Er kennt Trauer. Er kennt Angst. Er kennt Einsamkeit. Er kennt Gethsemane. Er kennt das Kreuz. Und er bleibt liebend. Nicht der gepanzerte Held ist Gottes tiefstes Bild des Menschen, sondern der Liebende, der sich hingibt.
Gottes leise Arbeit an uns beginnt genau dort: nicht, indem er uns härter macht, sondern indem er uns weicher macht; nicht, indem er uns unbesiegbar macht, sondern indem er uns liebesfähig macht; nicht, indem er jede Angst nimmt, sondern indem er uns zeigt:
Du darfst dich fürchten — und dennoch offen bleiben. Gott ist immer da und steht dir zur Seite.