entw3

Nur die Liebe lässt sein 

Es gibt Momente, da muss eine Welt untergehen.

Nicht die Welt als Schöpfung Gottes. Nicht die Erde, nicht das Licht, nicht das Leben. Sondern jene Welt, die wir uns gebaut haben aus Angst und Besitz, aus Verträgen ohne Vertrauen, aus Ordnung ohne Barmherzigkeit, aus Sitte ohne Wahrheit.

Eine solche Welt kann nicht bleiben.

In Wagners Götterdämmerung geht nicht einfach alles zugrunde. Es geht das zugrunde, was sich göttlich nennt, aber nicht mehr göttlich ist. Die Götter vergehen, weil ihre Herrschaft hohl geworden ist. Verträge, die einst Ordnung schaffen sollten, sind trüb geworden. Bünde, die Treue versprechen sollten, sind trügerisch geworden. Gesetz, das schützen sollte, ist hart geworden. Sitte, die Leben tragen sollte, ist heuchlerisch geworden.

Und mitten darin liegt der Ring: Gold, Macht, Zugriff, Besitz.

Der Ring ist mehr als ein Schmuckstück. Er ist das Symbol für das Herz, das nicht mehr lieben, sondern besitzen will. Für den Menschen, der nicht mehr vertraut, sondern kontrolliert. Für eine Religion, die nicht mehr betet, sondern herrscht. Für eine Gesellschaft, die nicht mehr dient, sondern sich sichert.

Und dann erklingt am Ende diese große Absage: Nicht Gut. Nicht Gold. Nicht Besitz. Nicht Glanz. Nicht Herkunft. Nicht Rang. Nicht Amt. Nicht religiöse Pracht.

All das kann schön sein. All das kann seinen Ort haben. Aber nichts davon erlöst. Nichts davon trägt die Seele durch den letzten Schmerz.

Auch „göttliche Pracht“ nicht. Das ist vielleicht das Erschütterndste: Selbst das Religiöse kann zur Maske werden. Selbst Tempel, Liturgie, Amt, heiliger Glanz können leer werden, wenn sie nicht mehr von Liebe durchdrungen sind. Dann ist das Heilige nur noch Dekoration der Macht.

Und weiter heißt es: Verträge ohne Wahrhaftigkeit. Bünde ohne Treue. Sitte ohne Herz. Gesetz ohne Barmherzigkeit.

Das alles kennt auch die Bibel. Die Propheten haben dagegen gesprochen. Jesus hat dagegen gelebt. Er hat nicht das Gesetz verachtet, aber er hat es aus der Härte herausgelöst und in die Liebe zurückgeführt. Er hat gesagt: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Er hat die Ehebrecherin nicht gesteinigt. Er hat die Zöllner nicht verworfen. Er hat die Aussätzigen berührt. Er hat die Sünder an seinen Tisch geholt.

Nicht weil Wahrheit unwichtig wäre. Sondern weil Wahrheit ohne Liebe nicht Gottes Wahrheit ist.

Am Ende der Götterdämmerung steht darum nicht einfach Vernichtung. Am Ende steht eine Reinigung. Ein Feuer. Ein Loslassen. Ein großes Sterben falscher Götter.

Und dann bleibt dieser eine Satz: Die Liebe lässt sein.

Das ist ein unscheinbarer und ungeheuer tiefer Satz.

Liebe greift nicht. Liebe besitzt nicht. Liebe zwingt nicht. Liebe macht den anderen nicht zum Eigentum. Liebe macht aus Gott keinen Garantieschein für die eigene Ordnung. Liebe lässt sein.

Nicht gleichgültig. Nicht kalt. Nicht beliebig.

Liebe hält das Leben aus — in Lust und Leid. Sie liebt nicht nur das Gelingen, sondern bleibt auch im Scheitern. Sie liebt nicht nur die Schönheit, sondern bleibt auch im Schmerz. Sie liebt nicht nur, solange sie bekommt, sondern auch, wenn sie loslassen muss.

Hier berührt Wagner etwas zutiefst Christliches, vielleicht ohne es ganz in kirchlicher Sprache zu sagen: Erlösung geschieht nicht durch Macht. Nicht durch Gold. Nicht durch Prunk. Nicht durch Rechtfertigung der alten Ordnung. Sondern durch Hingabe.

Vielleicht ist das die geistliche Einladung dieser Musik: Lass die falschen Götter sterben.

Den Gott, der nur deine Leistung segnet.

Den Gott, der nur deine Ordnung bestätigt.

Den Gott, der auf deiner Seite steht gegen die anderen.

Den Gott, der Macht heiligt.

Den Gott, der Härte fromm nennt.

Den Gott, der Liebe dem Gesetz opfert.

Lass ihn untergehen. Denn der lebendige Gott ist anders. Er ist die Liebe, die in Lust und Leid sein lässt.

Am Ende bleibt die Liebe.

Die Liebe, die durch Leid hindurchgeht. Die Liebe, die im Schmerz nicht verhärtet. Die Liebe, die loslässt. Die Liebe, die sein lässt.

Eine Welt, in der Gott alles in allem ist — nicht als Macht über uns, sondern als Liebe in allem.

Amen.

 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.