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Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer

Liebe Mitbrüder, liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde,

ein paar Gedanken über den Ursprung des sogenannten Aaronitischen Segens. Wir erinnern uns an den gehörten Text:

„Der HERR sprach zu Mose: Sage Aaron und seinen Söhnen…“

So geht die Linie des Segens von Gott über Mose zu Aaron – und von dort zu den Menschen. Deshalb sprechen im Gottesdienst die Priester den Segen, in der Nachfolge Aarons.

Aber am Ende dieses Textes steht ein entscheidender Satz: „וַאֲנִי אֲבָרֲכֵם – va-ani avar’khem – und ich werde sie segnen.“

Das heißt: Nicht der Priester segnet eigentlich. Gott segnet. Das ist im Judentum – aus dem das Christentum hervorgegangen ist – ganz zentral.

Der Priester wird im jüdischen Verständnis nicht als Quelle des Segens gesehen, sondern fungiert eher wie ein Kanal. Der Kohen spricht die Worte – aber die eigentliche Handlung geschieht durch Gott selbst.
Darum werden beim priesterlichen Segen die Hände erhoben und die Finger gespreizt, während der Blick gesenkt wird:
Der Segen kommt nicht aus dem Priester heraus, sondern geht durch ihn hindurch.

Segnen ist also nicht einfach ein frommer Wunsch.
Segnen ist ein Geschehen, bei dem Gott selbst handelt.

Was bedeutet eigentlich das hebräische Wort für segnen – בָּרַךְ (barach)? Es bedeutet zwar „segnen“, ist aber eng verwandt mit dem Wort für Knie – בֶּרֶךְ (berech). Das ist kein Zufall. Denn Segnen hat mit Beugung zu tun, mit Zuwendung, mit dem Sich-Herablassen.

Wir denken meist: Der Höhere segnet den Niedrigeren.
Im jüdischen Denken ist es viel tiefer und wechselseitiger: Die Menschen segnen Gott durch Lobpreis – und Gott segnet die Menschen durch Lebenskraft. Segnen ist wechselseitig in diesem Verständnis.

Wenn Gott dich segnet, dann heißt das: Er wendet sich dir zu. Er lässt sich zu dir herab. Er gibt dir Anteil an seinem Leben.

Im europäischen Christentum erleben wir den Segen meist als besonderen Moment im Gottesdienst. Im Judentum dagegen durchzieht der Segen den Alltag.

Es gibt Berachot – Segenssprüche – für das Brot, für den Wein, für das Licht, für die Begegnung mit Menschen, sogar für schwere Erfahrungen. Das Leben selbst wird als empfangene Wirklichkeit verstanden.

Das kann eine wichtige Einsicht für uns sein: Ein gesegnetes Leben ist nicht ein problemloses Leben.
Ein gesegnetes Leben bleibt Geschenk – auch dann, wenn es schwer ist. Denn der Herr entscheidet – nicht ich.

Wir leben in sterblichen Körpern. Unser genetisches Material trägt Krankheit, Begrenzung und Verletzlichkeit in sich. Wir stehen in einer evolutionären Tradition, die Schönheit hervorgebracht hat – aber auch Kampf, Tod und Leid.
 

Und wir Menschen verschärfen vieles noch: Wir beuten die Schöpfung brutal aus. Wir schaffen ungerechte politische Systeme – oder dulden sie schweigend.
Menschen leben in Krieg, Diktatur, Armut oder Einsamkeit.

Und trotzdem sagt Gott den Bund nicht auf.

Das ist vielleicht die tiefste Botschaft des Segens: Gott bleibt in Verbindung mit uns.

Wie in einer Ehe: in guten und in schlechten Tagen.
Nicht nur, wenn wir stark sind.
Nicht nur, wenn wir fromm sind.
Nicht nur, wenn alles gelingt.

Der neue Bund Gottes bedeutet: Ich lasse dich nicht los.

Ich denke, das genau müssen wir heute neu hören:
Der Segen Gottes ist keine magische Schutzformel gegen Leid.

Auch die Gesegneten werden krank. Auch die Gesegneten verlieren Menschen. Auch die Gesegneten zweifeln. Auch die Gesegneten sterben.

Die Bibel verschweigt das nicht. Die Psalmen sind voller Klage. Hiob schreit zu Gott. Die Propheten ringen mit Verzweiflung. Und selbst Jesus betet: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Der Glaube war nie ein Versprechen auf ein einfaches Leben. Der Segen ist etwas Tieferes: Die Garantie, dass niemand aus Gottes Gegenwart herausfällt.

Dass Gott auch dort bleibt, wo Menschen nichts mehr verstehen. Wo Gebete leer wirken. Wo der Körper zerbricht. Wo politische Gewalt herrscht. Wo Hoffnung klein geworden ist. Der Bund bleibt bestehen.

Darum sollten wir auch danken und lobpreisen – selbst dann, wenn es uns schwerfällt. Nicht weil das Leid schön wäre. Nicht weil Krankheit gut wäre. Nicht weil Diktatur oder Armut gerecht wären.

Sondern weil Gottes Gegenwart tiefer reicht als das Dunkel.

Auch ein Mensch mit einer schweren Krankheit kann sagen: Du bist bei mir. Auch ein armer Mensch kann beten. Auch ein Mensch unter Unterdrückung kann hoffen. Nicht weil das Leid verschwindet – sondern weil Gott mitten darin gegenwärtig bleibt.

Und genau darum ist der aaronitische Segen existentiell:

„Der HERR segne dich und behüte dich.“
Das heißt: Gott sichert deinen Lebensraum, gibt dir Lebenskraft.

„Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir.“
Das heißt: Gott tritt in eine persönliche Beziehung zu dir. Er schaut dich an. Nicht kalt. Nicht gleichgültig. Sondern mit leuchtendem Angesicht.

„Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Schalom.“

Schalom bedeutet mehr als Waffenstillstand. Schalom heißt: Dass das Leben trotz aller Brüche in einer Ordnung steht. Dass der Mensch innerlich gehalten bleibt. Dass Gott am Ende das Zerrissene heilt.

Vielleicht tragen manche heute etwas Schweres in sich.

Eine Krankheit. Erschöpfung. Angst um die Zukunft.
Einsamkeit.Trauer. Schuld. Oder einfach das Gefühl, nicht mehr zu können.

Vielleicht ist dann dieser eine Gedanke hilfreich:

Gott bleibt dir zugewandt. Sein Angesicht leuchtet über dir — auch dann, wenn du es selbst gerade nicht sehen kannst.

Und vielleicht ist genau das der tiefste Sinn des Segens:
Nicht dass wir allem Leid entkommen. Sondern dass wir wissen - in allem Leid sind wir nicht von Gott getrennt.

Amen.

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