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Liebe Gemeinde,

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“

Wenn wir das Wort „Bund“ hören, klingt das zunächst ziemlich groß. Sehr biblisch. Ein bisschen feierlich.
Vielleicht sogar ein wenig schwer.

Und ehrlich gesagt: Viele Menschen verbinden mit Religion genau das. Etwas Schweres. Pflichten. Regeln.
Moral. Ein ständiges Gefühl, nicht ganz zu genügen.

Manche tragen ein Gottesbild in sich, das ungefähr lautet: „Gott liebt dich … aber bitte reiße dich zusammen.“

Oder: „Gott meint es gut mit dir — solange du alles richtig machst.“

Und viele religiöse Erfahrungen haben Menschen tatsächlich eher eng gemacht als frei. Eher ängstlich als lebendig.

Vielleicht kennen wir das sogar aus uns selbst: dieses innere Gefühl, nicht genug zu sein. Nicht fromm genug.
Nicht gut genug. Nicht glaubend genug. Nicht ruhig genug. Nicht spirituell genug.

Und dann hören wir diesen Text aus Jeremia. Und plötzlich klingt Gott ganz anders. Eben nicht: „Jetzt strengt euch endlich mehr an.“

Sondern: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben.“ Nicht auf Stein. Nicht als Drohung. Nicht als himmlische Hausordnung.

Sondern ins Herz geben… Vielleicht müssen wir diesen Satz erst einmal wirken lassen und still werden.

(Stille)

Das ist nämlich etwas völlig anderes. Stein ist hart. Klar.
Eindeutig. Praktisch für Gebote. Aber emotional eher zurückhaltend. Steine fühlen eher nicht.

Herzen dagegen sind lebendig. Und kompliziert. Herzen zweifeln. Herzen hoffen. Herzen verlieben sich in die falschen Menschen. Herzen geraten durcheinander.
Herzen können verletzt werden. Und manchmal schlafen Herzen sogar mitten im Gottesdienst kurz ein.

Aber genau dort hinein will Gott schreiben. Nicht außen auf Tafeln. Sondern innen in den Menschen hinein.

Der neue Bund bedeutet: Gott bleibt keine äußerliche Vorschrift, die auf steinernen Tafeln geschrieben steht sondern er will innere Wirklichkeit werden. In uns!

Ich denke, daß genau darin eine große Befreiung liegt. Wirkliche Veränderung geschieht selten durch Druck. Kein Mensch wird liebevoll, weil man ihn anschreit. Kein Mensch wird innerlich heil, weil er sich permanent schuldig fühlt. Und auch Glaube wächst nicht gut unter Angst.

Wir kennen das sicher aus unseren Beziehungen. Eine Beziehung lebt nicht davon, dass uns ständig jemand kontrolliert: „Machst du auch alles richtig?“ Denn das wäre keine Liebe. Das wäre eher ein Arbeitsvertrag.

Vielleicht ist genau das die Revolution dieses Textes: Der neue Bund ist eben kein göttlicher Arbeitsvertrag.

Gott sagt nicht: „Erfüllt exakt eure Seite des Vertrags,
und dann werde ich euer Gott sein.“ Sondern er äußert ganz klar „Ich will ihr Gott sein.“ Einfach so. Ohne Forderung.

Beziehung statt Leistung. Liebe statt Forderung. Und genau deshalb endet dieser Text auch nicht mit Geboten — sondern mit Vergebung: „Denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“

Das ist vielleicht der schönste Satz überhaupt.

Ich glaube, daß viele Menschen denken: Erst muss ich mich ändern. Und dann erst kann Gott mich annehmen.

Jeremia sagt: Nein.! Gott nimmt uns Menschen einfach so an. Er geht zu uns in Beziehung Und aus dieser Verbindung kann dann Veränderung wachsen.

Irgendwie vergleichbar wie bei einem Instrument. Ein verstimmtes Instrument wird nicht angeschrien. Man sagt nicht zur Geige oder zum Klavier: „Warum bist du nicht perfekter?!“ Wenn du dich nicht änderst, dann werfe ich dich weg.

Sondern man stimmt es neu. Behutsam. Geduldig. Aufmerksam. Und Gnade ist genau das: Dass Gott uns neu stimmt.

Uns nicht perfekt macht. Aber wieder hörfähig. 

Vielleicht kann man den neuen Bund wie eine Melodie beschreiben, die längst in uns verborgen ist.

Gott zwingt uns nichts Fremdes auf. Er bringt etwas zum Klingen, das tief in uns angelegt ist.

Sünde ist dann nicht zuerst moralisches Versagen — sondern irgendwie eine Form der inneren Verstimmung. Das Verlieren des Grundtons. Das Verlieren der Verbindung zu Gott.

Und das ist uns bekannt: Manchmal verlieren wir Menschen innerlich den Klang. Dann wird alles eng.
Hart. Scharf. Man reagiert gereizt. Man wird kalt. Oder müde.

Manchmal sogar religiös müde. Manchmal kann man erstaunlich viel über Gott wissen und innerlich trotzdem völlig erschöpft sein.

Manche können sämtliche Psalmen erklären — und werden aggressiv, wenn im Supermarkt jemand vor ihnen zu lange die EC-Karte sucht.

Wissen allein verwandelt das Herz nicht.

Darum sagt Jeremia etwas Erstaunliches: „Es wird keiner den andern lehren und sagen: ‚Erkenne den Herrn‘; denn sie sollen mich alle erkennen.“

Das bedeutet nicht, dass Lernen unwichtig wäre. Aber Gott ist mehr als religiöse Information.

Man kann über Musik Bücher lesen — und trotzdem nie berührt werden.

Man kann etwas über Liebe wissen —und dennoch nie wirklich lieben.

Und man kann Theologie studieren — und Gott trotzdem fern bleiben.

Das Wort „erkennen“ meint hier etwas anderes: Erfahrung. Nähe. Beziehung.

Es gibt genügend Momente, in denen Menschen Gott erkennen, ohne große Worte.

Im Schweigen. Im Atem. In Musik. Im Getragensein. In einem Blick. In einer plötzlich empfundenen Weite.

Ich hoffe Sie kennen solche Augenblicke: Kurze Momente, in denen man spürt: Ich bin nicht allein. Ich falle nicht aus Gottes Hand.

Ich glaube, daß das genau der neue Bund ist. Nicht,
dass Gott weiter entfernt wird — sondern näher. So nah,
dass er ins Herz schreibt.

Meister Eckhart sagte einmal: „Gott ist mir näher als ich mir selbst bin.“

Ich glaube, daß Jeremia genau das meint: Dass Gott nicht vor dem Menschen steht wie ein Kontrolleur. Sondern in ihm wirkt, so wie ein leiser Grundton. Wie ein Atem. Wie eine Melodie, die manchmal verschüttet wird — aber nie ganz verstummt.

Vielleicht ist auch Kirche nicht der Ort, an dem man perfekte Menschen suchen sollte. —> Gott sei Dank!

Kirche ist ein Raum, in dem Menschen gemeinsam hören lernen. Ein Raum, in dem Verstimmte wieder Klang finden dürfen. Ein Raum, in dem niemand sich selbst erlösen muss.

Denn Gott hat damit längst begonnen. „Ich will ihr Gott sein.“

Nicht irgendwann. Nicht erst nach genügend Leistung. Nein ! - Jetzt.

Ich glaube, der neue Bund besteht genau darin: Dass Gott nicht länger vor uns steht als Forderung — sondern in uns lebt als leiser Ruf zur Liebe.

Nicht Religion aus Angst. Sondern Leben aus Vertrauen. Nicht Stein. Sondern atmende Herzen.

(Stille)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.


 

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