pr3

Ich lese zunächst den Text im Evangelium des Johannes, welcher der Predigt heute zugrunde liegt.

20Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, 21dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, 23ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

24Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. 25Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Liebe Gemeinde, dieser Text, den wir gehört haben, ist kein Auftrag. Es ist eine Art letzter Wille zur Einheit und Gemeinschaft mit Gott - gleichzeitig eine Bitte wie auch eine Verheißung.

Jesus sagt nicht: „Sorgt dafür, dass ihr euch einigt.“ Er sagt nicht: „Strengt euch mehr an, damit alles zusammenpasst.“

Er betet für uns. Und das verändert alles. Denn es bedeutet:

Einheit ist kein Auftrag, den wir erfüllen müssen –
sondern ein Geschenk, das Gott in uns wirkt.

Jesus sagt: „… dass sie alle eins seien.“

Und wir denken sofort: Das wird schwierig. Denn wir kennen Unterschiede. Spannungen. Missverständnisse.

Wir wissen: Einheit lässt sich nicht machen.

Aber Jesus sagt auch nicht: „Werdet gleich.“ Er sagt: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir.“

Das ist keine Einheit aus Gleichheit. Das ist eine Einheit aus Verbindung.

Vielleicht können wir uns dieser Verbindung annähern,
wenn wir auf etwas schauen, das wir alle in diesem Moment tun: Wir atmen.

Wir machen unseren Atem nicht. Er geschieht. Wir empfangen ihn. Und noch mehr: Wir atmen nicht für uns allein.

Was wir ausatmen, wird von den Pflanzen auf diesem Planeten aufgenommen. Und was die Pflanzen uns zurückgeben, nehmen wir wieder auf. Alle Tiere atmen CO₂ aus. Die Pflanzen nehmen es auf und schenken uns Sauerstoff zurück.

Das ganze Leben ist ein einziger Atemkreislauf.

Wir sind nicht getrennt. Mit jedem Atemzug sind wir  verbunden mit allem, was lebt.

Und vielleicht geht die Mystik noch einen Schritt weiter: Wir atmen auch mit Gott.

Die Bibel sagt: Gott hauchte dem Menschen den Atem des Lebens ein. Und seitdem ist jeder Atemzug eine stille Berührung.

In uns atmet mehr als wir selbst.

Meister Eckhart hat gesagt:

„Gott ist mir näher als ich mir selbst bin.“

Vielleicht geschieht genau das in jedem Atemzug.

Und doch kennen wir auch das: Manchmal wird der Atem flach. Wenn wir unter Druck stehen. Wenn Beziehungen eng werden. Wenn etwas in uns sich verschließt. Dann verlieren wir den Kontakt.

Und dann braucht es kein Mehr an Leistung. Sondern ein Innehalten. Ein bewusstes Atmen. Nicht um etwas zu machen. Sondern um wieder zu spüren: Ich bin verbunden.

Hier noch ein zweites Bild: Resonanz.

Stellen Sie sich ein Orchester vor. Oder einen Chor. Viele Stimmen. Viele Unterschiede. Und doch entsteht Musik, Harmonie.

Nicht, weil alle gleich sind. Sondern weil sie aufeinander hören.

Weil sie sich einschwingen. Weil sie Raum lassen. Weil sie sich tragen.

Einheit heißt nicht Gleichklang. Einheit heißt: ein gemeinsames Klingen.

Die Mystik sagt: Gott ist der Grundton.

 

Der Ton, der immer da ist. Der alles trägt. Und wenn wir still werden, können wir ihn hören. Und wenn wir ihn hören,
beginnen wir mitzuschwingen. Und vielleicht kennen einige von Ihnen diese Erfahrung ganz konkret: aus der Gregorianik.

Wenn Psalmen gesungen werden – im Wechsel. Eine Seite beginnt. Sie trägt den Vers. Und an einer bestimmten Stelle – dem Asteriskus – hält sie inne. Ein Atem. Dann weiter bis zum Ende.

Und genau in diesem Moment setzt die andere Seite ein. Ohne Bruch. Ohne Unterbrechung.

Ein Schwingen geht durch den Raum.

Wie ein Atem, der weitergegeben wird. Wie ein unsichtbarer Tanz. Niemand singt alles allein. Niemand muss alles tragen.

Es ist ein singendes Gespräch.

Eine Stimme beginnt. Die andere antwortet. Nicht gegeneinander. Sondern miteinander. Und das Entscheidende:

Der Gesang lebt nicht von der einzelnen Stimme –
sondern vom Dazwischen.

Vom Raum zwischen den Stimmen. Vom Atem. Von der Resonanz. Und vielleicht ist genau das das tiefste Bild für das, was Jesus meint:

Einheit ist kein Gleichklang. Einheit ist ein gemeinsames Schwingen.

Ein Gebet, das nicht abreißt. Ein Atem, der weitergeht. Und dann noch ein drittes Bild: das Gespräch.

Verbindung ist wie ein Gespräch. Ein echtes Gespräch ist ja nie perfekt. Man versteht sich oft nicht sofort. Man sucht nach Worten. Manchmal wird es still. Aber entscheidend ist:  Es geht weiter.

Solange das Gespräch nicht abbricht, bleibt Verbindung. Und vielleicht kennen wir auch das Gegenteil: Wenn ein Gespräch endet. Wenn jemand innerlich sagt: „Es hat keinen Sinn mehr.“ Dort wird es wirklich einsam.

Und genau hier liegt vielleicht der Kern dieses Textes:

Einheit heißt: den Atem nicht verlieren, das Mitschwingen nicht verweigern, das Gespräch nicht abzubrechen.

Einheit wächst dort, wo Verbindung wichtiger ist als Recht haben.

Und damit wird verständlich, warum Jesus nicht befiehlt. Denn das alles kann man nicht erzwingen. Man kann niemanden zwingen zu atmen. Man kann niemanden zwingen mitzuschwingen. Man kann niemanden zwingen, im Gespräch zu bleiben.

Aber man kann sich öffnen. Jesus sagt: „Ich in ihnen.“

Das ist vielleicht der tiefste Satz.

Gott ist nicht nur bei uns. Er ist in uns.

Als Atem. Als Grundton. Als Raum zwischen uns. Er hält die Verbindung, wenn sie bei uns schwach wird. Und vielleicht ist das die größte Entlastung: Ich muss Einheit nicht herstellen. Ich darf in ihr leben.

Vielleicht ganz konkret: Ein Mensch, mit dem es schwierig ist. Nicht alles lösen.

Aber: Einen Atemzug Raum lassen. Ein Mitschwingen wagen.Das Gespräch nicht endgültig beenden.

Denn genau dort, im Unfertigen, im Offenen, da wirkt Gott.

Einheit – nicht als Leistung, sondern als Geschenk.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen


 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.